Alles rund ums Lamm
Lammfleisch hat in Deutschland ein Imageproblem. Es gilt vielen als zu intensiv im Geschmack, als schwierig in der Zubereitung oder schlicht als unbekanntes Terrain. Der Griff zum Rind oder Schwein sitzt tief, und Lamm bleibt in vielen Haushalten auf das Osteressen reduziert, wenn überhaupt. Das ist schade, denn Lammfleisch gehört zu den aromatischsten und vielseitigsten Fleischsorten, die ein guter Metzger anbieten kann. Wer einmal verstanden hat, worauf es beim Kauf ankommt und wie man mit dem Fleisch umgeht, kommt schnell zu dem Schluss, dass das schlechte Image wenig mit dem Produkt und viel mit schlechten Erfahrungen durch schlechte Qualität zu tun hat.
Lammfleisch ist eines der wenigen Fleischprodukte, bei denen die Jahreszeit noch eine echte Rolle spielt. Schafe lammen in Mitteleuropa traditionell im Frühjahr, zwischen Februar und April. Das bedeutet, dass die Tiere im Frühling und Frühsommer jung und frisch sind, was sich direkt auf die Fleischqualität auswirkt. Junges Lamm aus der Frühjahrssaison hat ein zartes, mildes Fleisch mit feiner Faserstruktur und einem vergleichsweise zurückhaltenden Eigengeschmack. Es ist die Zeit im Jahr, in der Lammfleisch am besten und gleichzeitig am frischesten verfügbar ist.
Der Höhepunkt der Saison liegt in Deutschland zwischen April und Juli. In dieser Zeit kommen Lämmer auf den Markt, die auf der Weide aufgewachsen sind und frisches Gras und Kräuter gefressen haben. Diese Fütterung prägt den Geschmack des Fleisches direkt: Lämmer von aromatischen Weiden, wie sie in Norddeutschland, im Alpenvorland oder an der Küste vorkommen, entwickeln einen anderen Geschmack als Tiere aus reiner Stallhaltung mit Kraftfutter. Salzwiesenlamm, also Fleisch von Tieren, die auf salzigen Küstenweiden grasen, gilt in Frankreich seit Jahrhunderten als besondere Delikatesse und ist auch in deutschen Küstenregionen erhältlich.
Außerhalb der Hauptsaison ist Lammfleisch zwar das ganze Jahr verfügbar, aber ein erheblicher Teil davon kommt aus dem Import, vor allem aus Neuseeland, Australien, Irland und Großbritannien. Importlammfleisch ist in der Qualität oft gut, aber es fehlt die Frische und die regionale Rückverfolgbarkeit, die beim saisonalen Kauf beim Metzger möglich ist. Wer im Frühjahr und Frühsommer beim Metzger nach regionalem Lamm fragt, bekommt in der Regel das beste Produkt des Jahres.
Im Handel und auf Speisekarten tauchen verschiedene Begriffe für Lammfleisch auf, die unterschiedliche Tiere und Fleischqualitäten beschreiben. Der Unterschied ist relevant, weil er direkt Geschmack, Zartheit und die richtige Zubereitungsmethode beeinflusst.
Milchlamm bezeichnet Tiere, die noch gesäugt werden und kein Gras oder Kraftfutter gefressen haben. Sie werden sehr jung geschlachtet, in der Regel mit einem Gewicht von etwa fünf bis acht Kilogramm. Das Fleisch ist außergewöhnlich zart, sehr hell und hat einen milden, fast neutralen Geschmack. Milchlamm ist eine Delikatesse, die vor allem in der mediterranen Küche geschätzt wird, in Deutschland aber wenig verbreitet ist. Beim Metzger ist es auf Vorbestellung erhältlich.
Junglamm oder Lamm im engeren Sinne bezeichnet Tiere bis zu einem Alter von etwa zwölf Monaten. In diesem Bereich liegt das meiste Lammfleisch, das in Deutschland angeboten wird. Das Fleisch ist zart, aromatisch und hat den typischen Lammgeschmack, der je nach Haltung, Fütterung und Alter des Tieres mehr oder weniger ausgeprägt ist. Ein Lamm, das auf der Weide aufgewachsen und mit sechs bis acht Monaten geschlachtet wurde, hat ein milderes Fleisch als eines, das neun bis elf Monate alt wurde und einen höheren Anteil an Kraftfutter bekommen hat.
Hammel bezeichnet kastrierte männliche Schafe, die älter als ein Jahr sind. Das Fleisch ist deutlich intensiver im Geschmack, dunkler und hat eine festere Textur. Hammel wird in Deutschland kaum angeboten, ist aber in der nordafrikanischen und nahöstlichen Küche fester Bestandteil vieler klassischer Gerichte. Wer den intensiven Geschmack von Lamm als zu stark empfindet, hat möglicherweise Hammel gegessen und zieht daraus falsche Schlüsse über Lammfleisch generell.
Gutes Lammfleisch ist an mehreren Merkmalen erkennbar. Die Farbe ist das erste, auf das man achtet: Frisches Junglamm hat eine hellrosa bis hellrote Farbe. Je älter das Tier, desto dunkler und kräftiger wird die Farbe. Ein sehr dunkles, fast purpurrotes Fleisch deutet auf ein älteres Tier hin. Das ist kein schlechtes Zeichen an sich, aber es bedeutet einen intensiveren Geschmack und eine festere Textur, die andere Zubereitungsmethoden erfordert.
Das Fett beim Lamm ist weiß bis cremeweiß und fest. Gelbliches oder weiches Fett ist ein Zeichen für schlechtere Qualität oder ein älteres Tier. Das Fett des Lamms trägt einen großen Teil des charakteristischen Lammgeschmacks, weil es bestimmte Fettsäuren enthält, die beim Erhitzen die typischen Aromen freisetzen. Wer Lammfleisch kauft und das Fett vollständig abschneidet, bekommt ein deutlich neutraleres Ergebnis.
Die Oberfläche des Fleisches sollte trocken und leicht glänzend sein, nicht feucht oder klebrig. Ein unangenehmer oder ranziger Geruch ist ein eindeutiges Warnsignal. Frisches Lammfleisch hat einen milden, charakteristischen Eigengeruch, der nicht aufdringlich ist.
Wer beim Metzger kauft, kann direkt fragen, woher das Lamm stammt und wie alt es war. Diese Informationen sind beim Supermarktfleisch selten verfügbar, machen aber einen erheblichen Unterschied für das Ergebnis in der Küche.
Lammfleisch bietet eine Vielzahl von Zuschnitten, die sehr unterschiedliche Anforderungen an die Zubereitung stellen. Die Lammkeule ist der bekannteste und beliebteste Zuschnitt in Deutschland. Sie kommt aus der Hinterkeule und hat einen guten Fleischanteil mit einer gleichmäßigen Struktur. Die Keule eignet sich hervorragend für den Ofen, entweder am Knochen oder ausgelöst und gerollt, und auch für den Grill, wo sie indirekt gegart wird. Eine ausgelöste Lammkeule, aufgeklappt und flach auf den Grill gelegt, wird als Butterfly-Keule bezeichnet und ist eine der einfachsten und eindrucksvollsten Arten, Lamm zu grillen.
Die Lammschulter ist günstiger als die Keule, hat aber durch ihren höheren Bindegewebsanteil mehr Eigengeschmack. Sie eignet sich besonders für Schmorgerichte, bei denen das Kollagen Zeit hat, sich in Gelatine umzuwandeln. Eine langsam geschmorte Lammschulter mit Rosmarin, Knoblauch und Weißwein ist ein klassisches mediterranes Gericht, das wenig Aufwand und viel Ergebnis liefert. Auf dem Smoker oder indirekt auf dem Grill, nach dem Prinzip des Low and Slow, lässt sich eine Lammschulter auch zu einem Pulled Lamb verarbeiten, das dem Pulled Pork in der Zartheit kaum nachsteht.
Lammkoteletts und Lammkarree kommen aus dem Rücken und sind die edelsten Zuschnitte. Das Karree, also der Rücken mit den Rippen im Stück, ist optisch beeindruckend und eignet sich für besondere Anlässe. Im Ofen gebraten oder auf dem Grill kurz und heiß angebraten, ist das Lammkarree eines der wenigen Stücke, das in seiner Klasse dem Rinderfilet standhält. Lammkoteletts sind die einzelnen Scheiben des Karrees und auf dem Grill bei direkter Hitze innerhalb weniger Minuten fertig.
Lammhaxen sind die Unterschenkel und gehören zu den bekanntesten Schmorstücken überhaupt. Sie sind knochenreich, aber das Fleisch, das sich nach mehrstündigem Schmoren vom Knochen löst, ist intensiv aromatisch und butterweich. Eine Lammhaxe braucht mindestens zwei Stunden im Schmortopf und hat danach einen Geschmack, der kaum mit schnell gegartem Fleisch vergleichbar ist.
Die Abneigung, die viele Deutsche gegenüber Lammfleisch empfinden, hat meistens eine konkrete Ursache: eine schlechte Erfahrung mit zu altem, falsch gelagertem oder schlecht zubereitetem Fleisch. Hammel statt Lamm, ein zu warm gelagertes Stück oder Fleisch aus industrieller Haltung ohne Weidegang: All das kann den intensiven, talgigen Geschmack erzeugen, der viele abschreckt.
Gutes Junglamm aus regionaler Weidehaltung, frisch vom Metzger in der Saison gekauft und richtig zubereitet, schmeckt anders. Es ist aromatisch, aber nicht überwältigend, zart, aber nicht fade, und es verträgt sich hervorragend mit Kräutern wie Rosmarin, Thymian und Oregano sowie mit Knoblauch, die den Eigengeschmack des Fleisches ergänzen, ohne ihn zu überdecken.
Wer im Frühling oder Frühsommer beim Metzger nach regionalem Junglamm fragt, trifft meistens auf ein Produkt, das die Vorurteile über Lammfleisch schnell widerlegt. Die Saison ist jetzt, die Qualität ist auf ihrem Jahreshöhepunkt, und die Bandbreite an Zuschnitten und Zubereitungsmöglichkeiten ist größer als bei fast jedem anderen Fleisch. Es lohnt sich, den ersten Schritt zu machen und beim Metzger nachzufragen.
Fotograf: Ragil Tagiyev
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