Wer beim Metzger Fleisch kauft, denkt selten an Knochen. Sie landen meist im Abfall, werden als Beiprodukt betrachtet oder bestenfalls dem Hund mitgebracht.
Das ist eine Verschwendung, die sich in fast jeder europäischen Küchentradition nicht finden lässt, denn Knochen sind seit Jahrhunderten Grundlage einiger der aromatischsten und substanzreichsten Gerichte überhaupt. Knochenbrühe, geröstetes Mark auf Toast, Ossobuco, Pot-au-feu: Diese Gerichte existieren nicht trotz der Knochen, sondern wegen ihnen.
Knochen bestehen nicht nur aus Kalzium und Mineralien. Im Inneren befindet sich das Knochenmark, ein fettreiches, weiches Gewebe, das bei Wärme schmilzt und einen intensiven, buttrigen Geschmack entwickelt. Außen und zwischen den Knochen befinden sich Kollagen und Bindegewebe, die beim langen Kochen in Gelatine übergehen. Diese Gelatine ist es, die einer Brühe ihre Bindung, ihre Konsistenz und ihren Körper gibt. Eine Brühe, die beim Abkühlen geliert, enthält viel Gelatine und ist damit deutlich substanzreicher als eine wässrige, flüssig bleibende Brühe.
Der Unterschied zwischen einer echten Knochenbrühe und einem aufgelösten Brühwürfel ist deshalb kein gradueller, sondern ein grundlegender. Ein Brühwürfel liefert Salz und Aromen. Eine lange gezogene Knochenbrühe liefert Gelatine, Mineralstoffe, Fett und tiefe Fleischaromen, die sich durch Köcheln über viele Stunden entwickeln. Das ist das Fundament, auf dem klassische Saucen, Risottos und Schmorgerichte aufgebaut sind.
Nicht jeder Knochen ist für jeden Zweck geeignet. Die Auswahl hängt davon ab, was man erreichen will: viel Gelatine, viel Mark, viel Fleischaroma oder eine Kombination.
Markknochen, also die langen Röhrenknochen aus den Extremitäten des Rindes, haben das höchste Markvorkommen. Sie werden entweder längs aufgesägt, sodass das Mark offen liegt und direkt geröstet werden kann, oder quer in Scheiben geschnitten. Beim Metzger sollte man explizit nach Markknochen fragen und angeben, wie sie zugeschnitten werden sollen. Längs aufgesägte Markknochen eignen sich zum Rösten im Ofen und direkt am Tisch servieren. Quer geschnittene Scheiben eignen sich besser für Brühen und Schmorgerichte, weil das Mark langsam ins Kochmedium abgegeben wird.
Gelatinereiche Knochen sind vor allem Gelenkknochen, Fußknochen und Knöchel. Sie enthalten viel Bindegewebe und Knorpel, die beim langen Kochen reichlich Gelatine abgeben. Wer eine kräftig gelierende Brühe herstellen will, kombiniert diese Knochen mit Markknochen, die den Geschmack liefern. Kalbsknochen gelieren stärker als Rinderknochen, weil Kälber proportional mehr Knorpel und weniger mineralisiertes Knochengewebe haben.
Fleischknochen, also Knochen mit noch anhaftendem Fleisch wie Querrippe oder Beinscheibe, liefern neben Gelatine auch Fleischaromen und eignen sich für komplexere Brühen, bei denen Körper und Geschmack gleichzeitig gefragt sind.
Geflügelknochen, vor allem vom Huhn oder der Pute, liefern schneller eine gelierende Brühe als Rinderknochen, weil sie weniger mineralisiert und leichter zugänglich für das kochende Wasser sind. Eine Hühnerbrühe aus dem ganzen Tier oder aus Karkassen zieht in zwei bis drei Stunden. Rinderknochenbrühe braucht acht bis zwölf Stunden, manchmal länger.
Der Begriff Knochenbrühe wird inzwischen inflationär verwendet, oft für Produkte, die wenig mit dem handwerklichen Original zu tun haben. Eine echte Knochenbrühe entsteht durch langes, ruhiges Köcheln von Knochen, die zuvor im Ofen geröstet wurden. Das Rösten ist kein optionaler Schritt: Es erzeugt durch die Maillard-Reaktion Röstaromen, die der Brühe Tiefe und Farbe geben, die beim direkten Kochen ohne Röstung nicht entstehen.
Die Knochen kommen bei 200 bis 220 Grad Celsius in den Ofen, bis sie gleichmäßig gebräunt sind. Dann wandern sie mit Wurzelgemüse, Tomatenmark und Gewürzen in einen großen Topf, werden mit kaltem Wasser aufgegossen und bei niedriger Temperatur so lange geköchelt, bis die Flüssigkeit tief aromatisch ist und die Gelatine vollständig aus den Knochen gelöst wurde. Niemals kochen, immer nur leise köcheln: Zu starke Hitze trübt die Brühe und verändert den Geschmack.
Das Ergebnis wird abgesiebt, entfettet und kann dann eingefroren oder weiterverarbeitet werden. Eine gute Rinderknochenbrühe, die kalt gestellt wurde, sollte zu einer festen Gelee werden. Das ist kein Fehler, sondern das Zeichen für eine substanzreiche Brühe.
Rindermark hat in der europäischen Küche eine lange Geschichte als Delikatesse. Im 19. Jahrhundert war geröstetes Rindermark auf Toast ein fester Bestandteil des britischen Frühstücks. In der französischen Küche ist es Bestandteil klassischer Gerichte wie dem Pot-au-feu, wo das Mark nach dem Kochen aus den Knochen gelöst und auf Brot gestrichen wird. In der modernen Restaurantküche hat es eine Rückkehr erlebt, oft geröstet mit Petersilienvinaigrette und Meersalz auf geröstetem Sauerteigbrot serviert.
Die Zubereitung zu Hause ist denkbar einfach. Längs aufgesägte Markknochen kommen mit der Schnittfläche nach oben in eine ofenfeste Form, werden leicht gesalzen und bei 200 bis 220 Grad für etwa 15 bis 20 Minuten geröstet, bis das Mark weich und leicht gebräunt ist. Es muss beobachtet werden, denn zu lange im Ofen und das Mark schmilzt vollständig aus dem Knochen heraus. Das Mark wird dann direkt aus dem Knochen gelöffelt und auf Brot gestrichen. Fleur de Sel, etwas Zitronensaft und frische Petersilie sind die klassischen Begleiter, die das intensive Fettaroma in die Balance bringen.
Knochen sind in der Standardtheke selten zu finden. Das liegt nicht daran, dass sie nicht vorhanden wären, sondern daran, dass die Nachfrage gering ist und sie deshalb nicht vorrätig gehalten werden. Wer Knochen kaufen will, bestellt sie beim Metzger vor, am besten ein bis zwei Tage im Voraus.
Dabei ist Präzision hilfreich. Markknochen vom Rind, längs aufgesägt ist eine klare Bestellung. Gelenkknochen für Brühe oder Kalbsknochen für Kalbsfond sind ebenfalls eindeutig. Wer unklar bestellt, bekommt, was gerade übrig ist, was nicht zwingend das Richtige für den geplanten Zweck ist. Die meisten Metzger, die handwerklich arbeiten, freuen sich über solche Bestellungen, weil sie zeigen, dass der Kunde das Tier vollständig nutzen will.
Knochen kosten deutlich weniger als Fleisch. Das macht sie nicht zu einem minderwertigen Produkt, sondern zu einem, dessen Wert in der Zeit liegt, die man in die Zubereitung investiert. Eine lange gezogene Knochenbrühe aus guten Knochen ist die Basis, auf der alle anderen Gerichte aufbauen. Wer sie einmal selbst hergestellt hat, versteht, warum sie in der professionellen Küche durch nichts zu ersetzen ist.
Knochen und Mark sind keine Abfallprodukte, sondern Rohstoffe mit eigenem Geschmack, eigener Funktion und eigener Küchentradition. Wer sie nutzt, verschwendet weniger vom Tier, kocht substanzreicher und bekommt Ergebnisse, die mit vorgefertigten Produkten nicht vergleichbar sind. Der erste Schritt ist eine Bestellung beim Metzger. Der zweite ist etwas Geduld am Herd.
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