Wer in Deutschland ein Rind kauft, bezahlt am meisten für Filet, Ribeye und Rumpsteak. In Japan werden Zuschnitte hoch gehandelt, die hierzulande im Hackfleisch landen. In Mexiko sind Teile begehrt, die deutsche Metzger kaum verkauft bekommen. Und in Marokko dreht sich ein Teil der Festtagsküche um Stücke, die in deutschen Haushalten seit Jahrzehnten niemand mehr bestellt hat. Diese Unterschiede sind kein Kuriosum, sondern eine wichtige Erkenntnis: Die deutsche Hierarchie der Fleischzuschnitte ist keine objektive Wahrheit, sondern eine kulturelle Gewohnheit. Wer über den Tellerrand schaut, entdeckt Zuschnitte und Zubereitungen, die das eigene Kochen erweitern können.
Die japanische Fleischkultur ist vergleichsweise jung. Über Jahrhunderte war der Fleischkonsum in Japan aus religiösen und kulturellen Gründen stark eingeschränkt, und erst ab der Meiji-Zeit im späten 19. Jahrhundert wurde Rindfleisch Teil der japanischen Küche. Was daraus entstanden ist, ist eine der präzisesten Fleischkulturen der Welt.
Die japanische Zerlegung eines Rindes unterscheidet deutlich mehr Zuschnitte als die deutsche. Muskeln, die in Deutschland zusammen als ein Teilstück verkauft werden, werden in Japan einzeln herausgelöst, benannt und unterschiedlich bepreist. Das hat mit der wichtigsten Zubereitungsform zu tun: Beim Yakiniku, dem japanischen Tischgrillen, werden dünne Fleischscheiben kurz auf einem Rost gegart, und bei dieser Zubereitung werden Unterschiede in Textur und Fettverteilung unmittelbar spürbar, die bei einem dicken Steak untergehen würden.
Zuschnitte wie der Zwerchfellmuskel, in Japan als Harami bekannt und dort hoch geschätzt, gelten in Deutschland als Nebenprodukt. Auch Zunge, in dünne Scheiben geschnitten und kurz gegrillt, ist in japanischen Yakiniku-Restaurants eine der beliebtesten Bestellungen und wird als Gyutan zelebriert, während sie in Deutschland überwiegend als gekochtes Suppenfleisch endet, wenn sie überhaupt gekauft wird. Die Lektion aus Japan: Dünn aufgeschnitten und kurz gegart zeigen viele unterschätzte Zuschnitte Qualitäten, die bei langer Garung oder dicker Portionierung verborgen bleiben.
Die mexikanische Küche nutzt das Rind und das Schwein mit einer Vollständigkeit, die in Europa ihresgleichen sucht. Tacos de Cabeza, also Tacos mit Fleisch aus dem Rinderkopf, Tacos de Lengua mit Zunge, Tacos de Tripa mit Kutteln: Die mexikanische Taqueria-Kultur basiert zu einem erheblichen Teil auf Zuschnitten, die in Deutschland kaum Abnehmer finden.
Das bekannteste Beispiel ist die Barbacoa, eine traditionelle Zubereitungsform, bei der Fleisch, klassisch vom Schaf oder vom Rinderkopf, in Erdgruben oder abgedeckten Gefäßen über viele Stunden bei niedriger Temperatur gegart wird, bis es vollständig zerfällt. Das Prinzip ähnelt dem amerikanischen BBQ und dem, was in diesem Blog über Kollagenabbau bei langen Garzeiten geschrieben wurde: Zähe, bindegewebsreiche Stücke werden durch Zeit und niedrige Temperatur in etwas verwandelt, das zarte Edelstücke nicht liefern können.
Carnitas, das langsam in eigenem Fett geschmorte und dann zerpflückte Schweinefleisch, verwendet traditionell die Schulter und andere gut durchwachsene Stücke und ist ein weiteres Beispiel für das mexikanische Grundprinzip: Die besten Gerichte entstehen aus den Stücken, die Geduld erfordern.
In der marokkanischen und nordafrikanischen Küche haben Innereien und weniger nachgefragte Zuschnitte einen Stellenwert, der mit der deutschen Küche kaum vergleichbar ist. Zum Opferfest gehört in vielen Familien die vollständige Verwertung des geschlachteten Tieres, und Gerichte aus Leber, Herz, Pansen und Kopf sind fester Bestandteil der Festtagsküche, nicht Resteverwertung.
Die Tajine, das namensgebende Schmorgefäß der marokkanischen Küche, ist auf lange, feuchte Garzeiten bei niedriger Temperatur ausgelegt und damit ideal für genau die Zuschnitte, die in Deutschland als schwierig gelten: Lammhals, Lammschulter, Beinscheiben. Kombiniert mit Trockenfrüchten, Oliven, eingelegten Zitronen und Gewürzen wie Ras el-Hanout entstehen Gerichte, deren Tiefe direkt aus dem Kollagen und dem Eigengeschmack der verwendeten Stücke kommt.
Ein Detail verdient besondere Erwähnung: Die Kombination von Fleisch mit Süße, also mit Datteln, Aprikosen, Rosinen oder Honig, die in der deutschen Küche fast vollständig fehlt, ist im Maghreb selbstverständlich und funktioniert besonders gut mit kräftigen, fetten Fleischstücken, deren Intensität die Süße ausbalanciert.
Die osteuropäischen Küchen, von Polen über Ungarn bis Rumänien, haben eine Tradition der vollständigen Tiernutzung, die aus wirtschaftlicher Notwendigkeit entstanden ist und handwerklich beeindruckende Produkte hervorgebracht hat. Der polnische Bigos verwendet verschiedene Fleisch- und Wurstsorten in einem über Tage entwickelten Krauteintopf. Die ungarische Küche hat mit Gulasch, Pörkölt und Paprikás eine ganze Familie von Schmorgerichten entwickelt, die auf günstigen, bindegewebsreichen Zuschnitten basieren und weltweit kopiert werden.
Bemerkenswert ist die osteuropäische Wurstkultur, die der deutschen ähnelt, aber eigene Wege gegangen ist. Kaszanka, die polnische Grützwurst mit Blut und Buchweizen, ist ein Beispiel für ein Produkt, das Blut als vollwertige Zutat behandelt, ähnlich der deutschen Blutwurst, die ebenfalls zunehmend aus den Theken verschwindet. Auch hier gilt: Was verschwindet, verschwindet nicht wegen des Geschmacks, sondern wegen der Gewohnheit.
Vier Regionen, vier vollständig verschiedene Küchen, und trotzdem ein wiederkehrendes Muster: Die Küchen, die als besonders aromatisch und tief gelten, sind genau die, die das ganze Tier nutzen und den schwierigen Stücken Zeit geben. Das ist kein Zufall. Stark beanspruchte Muskeln und kollagenreiche Teile haben mehr Eigengeschmack als die zarten Edelstücke, und Zubereitungsformen, die auf Zeit statt auf Temperatur setzen, holen diesen Geschmack heraus.
Die deutsche Fokussierung auf wenige Edelzuschnitte ist historisch gesehen eine junge Entwicklung, die mit dem Wohlstand der Nachkriegszeit entstanden ist. Die deutsche Küche davor, mit ihren Sülzen, Innereiengerichten, Eintöpfen und Schmorgerichten, war den hier beschriebenen Küchen deutlich näher als der heutigen Einkaufsrealität.
Die praktische Konsequenz aus diesem Überblick ist einfach: Die Zuschnitte, die in anderen Küchen als Delikatessen gelten, liegen beim deutschen Metzger günstig in der Theke oder sind auf Vorbestellung verfügbar. Wer Harami vom japanischen Yakiniku kennt, kann beim Metzger nach Zwerchfell oder Kronfleisch fragen. Wer mexikanische Barbacoa nachbauen will, bestellt Rinderkopf-Fleisch oder nimmt die Beinscheibe. Wer eine marokkanische Tajine kochen will, ist mit Lammhals besser bedient als mit teurem Lammfilet.
Der Metzger ist dabei der natürliche Partner, weil diese Zuschnitte im Supermarkt schlicht nicht existieren. Ein handwerklicher Betrieb kann fast jeden Teil des Tieres beschaffen, wenn man vorbestellt und erklärt, was man vorhat. Das Gespräch darüber, welches Stück für welches Gericht das richtige ist, gehört zu den nützlichsten Beratungen, die man am Tresen bekommen kann.
Die Weltküche ist der beste Beweis dafür, dass die deutsche Zuschnitt-Hierarchie nur eine von vielen möglichen ist. Wer die Perspektive wechselt, entdeckt im selben Tier neue Produkte, neue Gerichte und ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis. Man muss dafür nicht nach Tokio oder Oaxaca reisen. Der Weg zum Metzger und eine ungewöhnliche Bestellung reichen aus.
Fotograf: Magda Ehlers
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Angus steht auf fast jeder zweiten Fleischpackung im Supermarkt.
Wie wäre es mit einer Gin-Tonic-Bratwurst? Oder vielleicht doch lieber Waschbärfleisch?