Gepökeltes Fleisch begegnet einem täglich: Kochschinken, Speck, Kasseler, Pastrami und Corned Beef sind alle ohne Pökeln nicht denkbar.
Schinken, Speck, Kasseler, Corned Beef, Pastrami: Diese Produkte haben wenig gemeinsam auf den ersten Blick, aber sie alle basieren auf demselben Grundprinzip. Pökeln ist das älteste und verbreitetste Verfahren zur Haltbarmachung von Fleisch, das die Menschheit kennt, und gleichzeitig eines der am wenigsten verstandenen. Wer weiß, was beim Pökeln passiert, versteht nicht nur, warum Schinken so schmeckt wie er schmeckt, sondern auch, warum handwerklich gepökeltes Fleisch vom Metzger sich von industriellen Produkten grundlegend unterscheidet.
Pökeln bedeutet, Fleisch mit Salz zu behandeln, um es haltbar zu machen, die Textur zu verändern und Geschmack zu entwickeln. Salz entzieht dem Fleisch durch Osmose Wasser. Bakterien, die für den Verderb verantwortlich sind, brauchen Wasser zum Überleben und zur Vermehrung. Weniger Wasser im Fleisch bedeutet weniger Lebensraum für Bakterien und damit längere Haltbarkeit.
Das ist das Grundprinzip, aber es ist bei Weitem nicht die ganze Geschichte. Beim Pökeln mit Nitritpökelsalz, dem heute gängigsten Pökelmittel, passiert noch etwas anderes. Nitrit reagiert mit dem Myoglobin im Fleisch, dem Protein, das für die rote Farbe verantwortlich ist, und bildet dabei Nitrosomyoglobin. Dieses ist hitzebeständig und gibt gepökeltem Fleisch seine charakteristische rosa bis rote Farbe, die auch nach dem Garen erhalten bleibt. Wer sich gefragt hat, warum Kochschinken rosa ist, obwohl er erhitzt wurde, hat hier die Antwort. Ungepökeltes gekochtes Schweinefleisch wird grau.
Nitrit hat außerdem eine eigene antimikrobielle Wirkung, insbesondere gegen Clostridium botulinum, den Erreger des Botulismus. Das ist der eigentliche Grund, warum Nitritpökelsalz in der Fleischverarbeitung so weit verbreitet ist: nicht primär wegen der Farbe, sondern wegen der Lebensmittelsicherheit.
Es gibt zwei grundlegende Methoden des Pökelns, die sich in Prozess, Ergebnis und Anwendungsbereich unterscheiden.
Bei der Trockenpökelung wird das Fleisch direkt mit einer Mischung aus Salz, Nitritpökelsalz und weiteren Gewürzen eingerieben. Das Salz entzieht dem Fleisch Feuchtigkeit, die sich als Lake um das Fleisch sammelt. In dieser Lake liegt das Fleisch dann für Tage bis Wochen, regelmäßig gewendet, bis die Pökelung vollständig abgeschlossen ist. Trockengepökelte Produkte verlieren mehr Gewicht durch den Wasserentzug, haben eine intensivere Würzung und eine festere Textur als nasspegepökelte Produkte. Klassische Schwarzwälder Schinken, Südtiroler Speck und viele traditionelle Rohschinken werden trocken gepökelt.
Bei der Nasspökelung wird das Fleisch in eine fertige Salzlake eingelegt oder die Lake wird direkt ins Fleisch injiziert. Das Injektionsverfahren ist in der industriellen Produktion weit verbreitet, weil es den Prozess erheblich beschleunigt. Was bei handwerklicher Nasspökelung Tage dauert, wird durch Injektion auf Stunden reduziert. Der Nachteil liegt im Ergebnis: Injiziertes Fleisch hat eine gleichmäßigere, aber flachere Würzung, einen höheren Wassergehalt und tritt beim Braten oder Schneiden mehr Flüssigkeit aus als handwerklich gepökeltes Fleisch. Wer schon einmal einen Kochschinken in der Pfanne gebraten hat, der plötzlich Wasser zieht und grau wird, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein nasspegepökeltes Industrieprodukt in der Pfanne gehabt.
Kein Thema in der Fleischverarbeitung wird so emotional diskutiert wie Nitritpökelsalz. Es gibt Verbraucher, die es grundsätzlich ablehnen, Hersteller, die damit werben, ohne Nitrit auszukommen, und eine breite öffentliche Unsicherheit darüber, ob es gesundheitlich bedenklich ist. Eine sachliche Einordnung ist deshalb sinnvoll.
Nitrit selbst ist in höheren Mengen toxisch. Die Mengen, die in gepökeltem Fleisch enthalten sind, liegen aber weit unterhalb toxischer Dosen und wurden von Lebensmittelbehörden in der EU als sicher eingestuft. Die Diskussion konzentriert sich weniger auf Nitrit selbst als auf Nitrosamine, Verbindungen, die entstehen können, wenn Nitrit beim Erhitzen mit bestimmten Aminosäuren reagiert. Bestimmte Nitrosamine gelten als potenziell krebserregend. Die Mengen, die beim normalen Konsum gepökelter Fleischprodukte entstehen, sind nach aktuellem wissenschaftlichem Stand gering. Gleichzeitig empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation, den Konsum von verarbeiteten Fleischprodukten insgesamt zu begrenzen, wobei gepökelte Produkte einen Teil dieser Kategorie ausmachen.
Produkte, die als ohne Nitritpökelsalz vermarktet werden, sind nicht automatisch nitritfrei. Viele dieser Produkte werden mit Selleriesaft oder Selleriepulver gepökelt, die von Natur aus hohe Nitratgehalte enthalten. Nitrat wird durch Bakterien zu Nitrit umgewandelt. Das Endprodukt enthält Nitrit, steht aber kein Nitritpökelsalz auf der Zutatenliste. Ob das eine bessere Alternative ist, ist eine Frage, die jeder für sich beantworten muss, aber der Anspruch der Nitritfreiheit ist in diesen Fällen nicht korrekt.
In einer handwerklichen Metzgerei wird Pökeln mit Zeit und Kontrolle betrieben. Das Fleisch wird sorgfältig ausgewählt, die Pökelmischung wird auf das jeweilige Produkt abgestimmt, und der Prozess wird über Tage oder Wochen begleitet. Ein handwerklicher Schwarzwälder Schinken, der mehrere Wochen trocken gepökelt, geräuchert und anschließend gereift wird, ist das Ergebnis eines Prozesses, der nicht beschleunigt werden kann, ohne das Ergebnis zu verändern.
In der industriellen Produktion wird dieser Prozess durch Injektion, höhere Temperaturen beim Räuchern und kürzere Reifezeiten stark komprimiert. Das Ergebnis ist günstiger, schneller verfügbar und gleichmäßiger in der Optik. Was fehlt, ist die Tiefe, die nur durch Zeit entsteht. Ein langer Reifeprozess entwickelt Aromen, die durch Injektion und Beschleunigung nicht entstehen können, ähnlich wie bei der Fleischreifung beim Dry Aging.
Wer beim Metzger nach handwerklich gepökelten Produkten fragt, erfährt in der Regel, welche Methode verwendet wird, wie lange der Prozess dauert und was in der Pökelmischung enthalten ist. Diese Informationen stehen auf keiner Supermarktpackung in ausreichendem Detail.
Pökeln zu Hause ist möglich, erfordert aber sorgfältige Vorbereitung und ein Verständnis der Prozesse, um sicher zu arbeiten. Einfache Pökelungen wie ein gepökeltes Schweinebauchstück für Hausgemachten Bauchspeck oder ein gepökeltes Rindfleischstück für Pastrami sind auch ohne professionelle Ausrüstung umsetzbar. Nitritpökelsalz ist im Fachhandel erhältlich und muss nach Anleitung verwendet werden, da falsche Dosierungen entweder ineffektiv oder problematisch sein können.
Was zu Hause nicht ohne weiteres reproduzierbar ist, sind lang gereifte Rohschinken wie Prosciutto oder Schwarzwälder Schinken. Diese erfordern kontrollierte Temperaturen, Luftfeuchtigkeit und Reifebedingungen über Monate, die im normalen Haushaltsumfeld schwer konstant zu halten sind. Wer solche Produkte haben will, kauft sie beim Metzger.
Pökeln ist kein Industrietrick, sondern eine handwerkliche Technik mit Jahrtausenden Geschichte, die aus gutem Grund bis heute verwendet wird. Wer versteht, was beim Pökeln passiert, kann gepökelte Produkte besser beurteilen, gezielter beim Metzger einkaufen und die Qualitätsunterschiede zwischen handwerklicher und industrieller Produktion einordnen. Das Ergebnis im Glas, auf dem Brot oder im Schmortopf ist dann nicht mehr zufällig, sondern das Resultat einer bewussten Entscheidung.
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